Bildstein/Hussl – Newsletter Juni 2021

Ein Interview liefert neue Einblicke

Bald ist es soweit und wir werden bei den Olympischen Spielen mit unserem Rot-Weiß-Roten Gennaker um Edelmetall segeln. In den vergangenen Monaten haben wir euch immer wieder von unseren Vorbereitungen berichtet. Für den aktuellen Newsletter haben wir uns etwas spezielles überlegt. In einem Interview erzählen wir von unserer Vorfreude, bei wie viel Prozent wir aktuell stehen und warum unser Schlafplatz in Japan noch nicht fixiert ist.

Bereits in eineinhalb Monaten starten die Olympischen Spiele in Tokio. Spürt Ihr bereits eine spezielle Anspannung und wie geht Ihr mit dieser Situation um?

Benjamin Bildstein: Man merkt, dass die Spiele näher rücken. Zuvor war es zwar ein großes Ziel, das sich aber sehr weit weg befand. Trotzdem haben wir auch in der Vergangenheit stets an Ideen und Details für diese Spiele gearbeitet. Jetzt fühlt es sich ein bisschen wie die letzten Tagen vor einer Prüfung an. Es geht in die finale Phase, wenn wir noch Verbesserungen erreichen wollen, müssen wir sie sofort umsetzen. Jetzt müssen wir sehr klug arbeiten, die richtigen Prioritäten setzen und eine gute Balance zwischen Arbeit und Erholung sowie Wasser- und Trockentraining finden. Dennoch genießen wir die derzeitige Situation, es ist wirklich schön, so zu segeln. Körperlich sind wir topfit und mental gut drauf. Vor Corona waren wir auf einem guten Level, nach der Pause hat es ein bisschen gedauert, wieder auf dieses Niveau zu kommen, jetzt geht das Niveau bei uns und unseren Konkurrenten allerdings richtig in die Höhe, es werden bestimmt spannende Rennen bei den Olympischen Spiele.
 

Bei wie viel Prozent befindet Ihr euch im Moment? Fehlt noch etwas oder seid Ihr bereits bei 100 Prozent?

Bildstein: Wir werden nie jene 100 Prozent erreichen, die wir gerne hätten. Das ist eine wichtige Erkenntnis im Sport, denn es liegt in unserer Natur, nach Perfektion zu streben. Wir wollen an jedem Tag ein perfektes Rennen fahren. Das gelingt allerdings nur ganz, ganz selten. Was Japan anbelangt stehen wir aktuell bei (überlegt) – ich würde sagen – 92 Prozent. 

Wie lautet Euer aktueller Fahrplan bis zu den Olympischen Spielen?

David Hussl: Bis zum 18. Juni bleiben wir in Santander an der spanischen Nordküste, am Ende dieses Blocks segeln wir eine kleine Regatta, um den Fokus wieder auf das Wettkampfsegeln zu legen. Danach sind wir eine Woche zuhause. Da werde ich alles abschließen, was das Rundherum betrifft, um nachher den vollen Fokus auf die Spiele zu legen. Anschließend werden wir nochmals nach Santander zurückkehren, weil wir hier perfekte Bedingungen vorfinden. Nach einer weiteren Woche in der Heimat, bei der sich der komplette mentale Fokus schon auf Tokio richtet, geht es dann am 9. Juli nach Japan. Der erste Segeltag in Japan ist der 15. Juli. Der erste Wettkampftag folgt schließlich zwölf Tage später.

Bildstein: In Santander stehen wir unmittelbar vor dem Ende unserer Materialtests. Aktuell überlegen wir noch, ob wir spezielle Hitze-Trainings absolvieren sollen, um die klimatischen Bedingungen in Japan zu simulieren – also unsere Körper mittels Sauna und Dampfbad an Hitze und Luftfeuchtigkeit in Fernost zu gewöhnen. 
 

Die Durchführung der Olympischen Spiele wurde in den vergangenen Wochen aufgrund der Corona-Situation in Japan kontrovers diskutiert. Welche speziellen Maßnahmen müsst Ihr während der Spiele befolgen?

Hussl: Wir werden uns in einer Blase befinden, Zuschauer sind keine zugelassen. Zwar müssen wir keine strenge 14-tägige Quarantäne antreten, allerdings dürfen wir uns nur in unserer Unterkunft und im Hafen aufhalten. Außerdem werden wir jeden Tag auf CoVid-19 getestet. Zusätzlich müssen wir genau angeben, wo wir uns aufhalten und wen wir getroffen haben. Wie das genau aussehen wird, wissen wir Stand heute noch nicht. Allerdings wird sich unsere Vorbereitung vom normalen Ablauf deutlich unterscheiden.

Bildstein: Wir mussten eine spezielle App herunterladen, die bereits 14 Tage vor unserer Abreise Daten und Kontakte sammelt, diese ist auch während der Spiele ständig im Einsatz. Als Sportler bereiten wir uns so gut und gewissenhaft wie möglich auf alle möglichen Situationen vor, doch die aktuelle Situation ist nicht planbar. Deshalb brauchen wir große Flexibilität, aktuell wackelt etwa unsere Unterkunft. Dort hätten wir Einzelzimmer gehabt, auch die Verpflegung wurde im Vorfeld akribisch geplant, in einem möglichen Hotel kann diese jedoch ganz anders ausschauen. Die Regelungen wurden mehrfach verändert, unser Sportdirektor hält uns jedenfalls ständig auf dem Laufenden.

Während der Spiele wird euch ein großes Team begleiten. Wie wichtig sind diese Personen, wie groß ist Euer Vertrauen?

Hussl: In den vergangenen Monaten hat uns stets ein großes Team begleitet, inklusive Trainer, Physiotherapeut, Psychologen und Performance-Coach. Jeder kennt seine Aufgaben und weiß genau, wann wir Input oder unsere Ruhe brauchen. Während der Trainingsphasen haben wir gemerkt, wie wertvoll diese Ressourcen sind. Das Team ist mittlerweile sehr wichtig, wir kennen alle sehr gut und können uns auf alle verlassen. Der Großteil wird auch in Japan dabei sein, ob dann alle im Hotel unterkommen können, wird sich erst noch zeigen. 

Bildstein: Alle sind absolute Profis und Experten auf ihrem Gebiet, wir alle sind inzwischen miteinander befreundet. Das ganze Team arbeitet extrem hart für unseren Erfolg, nur durch dieses harmonische Team funktionieren wir so gut.

Wer uns nach Japan begleiten wird und welche Aufgaben diese Teammitglieder erfüllen, das erfahrt Ihr im nächsten Newsletter Anfang Juli. Und dann stehen die Olympischen Spiele ja schon unmittelbar vor der Tür. Wir freuen uns auf jeden Fall darauf.

Bis bald,
Benjamin und David