Vorwort: wie ihr vielleicht wisst, hatten wir im YCB vor vielen Jahren für viele Jahre eine gut funktionierende Eignergemeinschaft in Port Grimaud. Dort habe ich meine ersten zaghaften Versuche in einem Salzwasserrevier gemacht. Mit diesem Törn leben die zahlreichen schönen Erinnerungen wieder auf, an denen ich euch gerne teilhaben lasse.
Törnbericht: Im Juli 2026 mit der neuen BODAN Dufour 530 der Gemeinschaft für Seefahrt (GfS) von Marseille nach Nizza
Wenn ich diese Zeilen schreibe, ankern wir am französischen Nationalfeiertag vor der Ile Saint Honorat bei Cannes und schmoren in der Sommerhitze. Der Wind weht nur mäßig, die Hitze steht im Cockpit, das Wasser bringt auch keine Abkühlung. Es ist dies der erste wirklich heiße Tag, aber zuhause soll es noch schlimmer sein. Der heutige wunderschöne Segeltag bringt uns von Saint Raphael in türkisfarbenem Wasser entlang der feuerroten Felsformationen des Esterel Gebirges an diesen wunderschönen (aber leider auch anderen bekannten) Platz. Schwimmende Händler preisen Pizza und Cocktails an, die Kinder plantschen im Meer, es sind Sommerferien in Frankreich. Da ist etwas los, wir freuen uns mit. Aber zurück zum Anfang.
Verspätet ankommendes Gepäck verdrießt uns schon mal die ersten Tage in Marseille, was aber mit der von Katja und Alexander spendierten Savon de Marseille auch sein gutes Ende findet. Es entschädigt uns eine sehr inspirierende Hafenstadt und der Pavillon Flottant der Société Nautique, wo wir uns sehr heimisch fühlen. Die BODAN durfte diese Gastfreundschaft in Ermangelung einer Vorcrew zwei Wochen lang genießen. Sie war in dieser Zeit umringt von zahlreichen herausgeputzten historischen Segelbooten, die auf die nächste Regatta warteten. Schade um die verlorene Zeit. Wie sich zeigen wird, ist das Revier wunderschön und sehr interessant.
So segeln wir am Sonntag am späten Nachmittag endlich los und kommen bei gutem Wind hurtig zunächst in Richtung Westen voran. Es findet sich ein wunderbarer Ankerplatz hinter dem Cap Couronne vor der Stadt Carro, wo wir alleine zwischen Felsen, Sandbank und Leuchtturm eine ruhige Nacht verbringen. Hier beginnt das für den gefürchteten Mistral bekannte große Rhonedelta. Wir segeln in einem sehr langen Schlag weiter nach Sète in Languedoc-Roussilon, der ursprünglich geplante Startpunkt unserer Reise. Die Tagwache um 6 Uhr Morgens lohnt sich deutlich, bringt sie doch angenehme Temperaturen, schönes Licht und guten Wind. Sète sei das Venedig Frankreichs, so sagt man. Der Charme der Stadt erschließt sich uns nicht sofort, erst der mühsame Aufstieg zum Mont Saint Claire gibt einen herrlichen Rundblick über die Etangs und das weite Meer. Paul Valery (Jurist, Lyriker, Essayist, Philosoph und der große Sohn der Stadt), prägt mit dem von ihm liebevoll gestalten Friedhof der Seeleute den Hügel über dem Hafen. Die Temperaturen sind milde, der Wind ist herrlich, die Preise sind moderat, das örtliche Leben ist einfach. Zurück führt der Weg über Saint Marie de la Mer, eine sehr touristisch geprägte Stadt in der Provence. In jedem Lokal spielt eine kleine Band mit 3 Gitarren mit Musikern mit etwas dunklerem Teint ungewohnte Musik. Die Recherche zeigt rasch, dass der Ort auf eine Zigeunersiedlung zurückgeht und uns nun eben überall Zigeunermusik erfreut. Gut, das haben wir nun gesehen und gehört, und so segeln wir hurtig zurück nach Marseille und in das nachfolgende Naturschutzgebiet der Calanques. Eine steife Brise erfreut das Seglerherz, lässt den Kapitän aber doch etwas sorgenvoller in die kommende Nacht vor Anker in der wildromantischen aber engen Calanques de Sugiton blicken. Wir schwimmen um den Felsen Le Torpilleur (das Torpedoboot) herum und genießen die Natur. Es kommt, wie es kommen muss: Der Wind frischt nächtens deutlich auf, dreht um 180 Grad und wir sitzen auf einem nun etwas ungemütlichen und unsicheren Platz. Der Wetterbericht verspricht baldige Besserung, sodass die vorsorgliche Ankerwache auch bald in die Koje geschickt werden kann.
Wir erleben nun schon den fünften wunderbaren Segeltag in Folge und dürfen sagen: Das Schiff läuft wirklich gut! Dass wir ausgerechnet jetzt an der Privatinsel des Erfinders des Pastis, Paul Ricard, vorbeikommen, mag Zufall sein. Jedenfalls wissen wir jetzt, dass Pastis mit Anis angesetzt wird, wohingegen der früher zum Wohle der Volksgesundheit verbotene Absinth ein gebrannter Schnaps aus Anis ist.
In Erwartung der Feierlichkeiten zum französischen Nationalfeiertag warten wir schon Tage zuvor auf Feuerwerk, Flugshow und spektakuläre Rettungsübungen. Doch leider holt uns die Realität ein. In Marseille geht nahe an uns eine Luxusyacht explosionsartig in haushohen Flammen auf, bei Cap Taillat werden wir Zeugen einer Notbergung per Hubschrauber. Doch in der Ankerbuch vor Cannes rettet der Furiose Sieg Frankreichs gegen Marokko bei der Fußball WM die Stimmung der Ankerlieger deutlich.
Im Laufe der Zeit lernen wir die Feinheiten der Landessprache kennen: „Je suis désolé“, scheint der Franzose entschuldigend zu sagen, zeigt dabei aber überhaupt keine Reue. Ein „g’scheites“ also großes Bier erhält das Adjektiv „veritable“. Auch sonst lernen wir viele Dinge. Z.B. erzählte Christl von taktischen Schlägen während der Langstreckenregatten am Bodensee. Alexander und Katja klären uns über das Eherecht auf. Philipp findet die beste Position für unsere bootseigene Basilikumpflanze. Gisa lächelt über die bescheidene Wirkung von Salben hinweg. Liane weiss immer, was als nächstes kommt. Bertold findet meist die schönsten Plätze zum Verweilen.
So genießen wir die Zeit und freuen uns auf die Cote d’Azur, wo sich die Welt komplett ändert. Anstelle der Naturschönheiten treten nun andere vermeintliche Schönheiten: Luxusyachten mit Pool und Hubschrauberport, Diven und Gentlemen, Klunker und Fummel, Champus, Kaviar, Kling Kling und Plem Plem. Coco, Guccio, Karli und Chichi. Saint Tropez, Antibes, Monte Carlo und Nizza. Es ist heiß, die Motoryachten kreuzen mit High-Speed unsere Bahn, die Skyline ist atemberaubend, doch wir bleiben außen vor und genießen die Szenerie mit Abstand vom Meer aus. Einzig einen abschließenden Besuch der sagenhaften Bar des weltberühmten Hotel Negresco in Nizza können wir uns nicht verkneifen und bestellen furchtlos eine Flasche Wein ohne nichts, büßen diese aber mit einer saftigen Rechnung. Das Ende des Törns ist somit gut begossen. Das letze Abendmahl wollen wir in einem korsischen Restaurant erleben, doch leider macht uns der zugedröhnte Chef & Koch den Abend mit der Nachcrew zum kulinarischen Albtraum. Und so lernen wir neue Einheiten kennen: 10 Katastrophen sind ein Desaster, 10 Desaster sind ein Fiasko! Wir wissen nun, wie Gott in Frankreich lebt (das war das vorgegeben Motto des Törns) und freuen uns auf zuhause.
Vor lauter Schreibfluss habe ich fast auf die Geschichte mit dem Kartoffelpüree vergessen. Christl und Gisa schwärmen schon die ganz Zeit von den besten Rezepten für Kartoffelbrei und wollen uns dieses kulinarische Highlight in würdiger Form mit französischen Würstchen kredenzen. Nun findet sich aber viele Tage eine Ausrede, warum es gerade heute nicht passt: am französischen Nationalfeiertag – das geht nicht. In Saint Tropez – das passt nicht. In den Calanques vor Anker – zuerst muss das Gemüse weg. Als ich selber auf umcharmante Weise versehentlich von Pampe spreche, ist es aus mit der Freundschaft. Aus dem Püree werden kurzerhand Bratkartoffel auf dem Grill mit dem Rest der Würstchen. Die Wogen glätteten sich glücklicherweise rasch, dies mit Unterstützung von mehreren Gläsern Rosé Cote de Provence, der Leatherman für den Smutje.
Katja und Alexander hatten das Privileg der großzügigen Bugkabine. Vielen Dank für die großzügige Einladung zum Abendessen, die als Kompensation für die Ungleichheit gedacht war.
Vielen Dank an meine wunderbare Crew mit Christl, Gisa, Katja, Liane, Alexander und Philipp. Wir hatten sehr schöne Segeltage auf einer sehr schönen BODAN in einem sehr schönen Revier bei sehr schönem Wetter. Ende schön, alles schön. Es war mir eine außerordentlich Freude, mit euch diese Reise gemacht haben zu dürfen.
Bertold Bischof
Factbox
Route und Distanz
350 sm von Marseille zunächst nach Westen bis Sète (Alltag in Frankreich) und dann wieder retour entlang der Provence (schöne Naturplätze) an die Cote d’Azur (Schicki Micki) bis Nizza.
Wetter und Wind
Trotz der Jahreszeit meist nicht sehr heiß, schönes Wetter, mittlere Winde.
Angelaufene Häfen und Buchten
| Hafen / Bucht | Bewertung |
|---|---|
| Societe Nautique Marseille | sauber, sicher |
| Bucht bei Cap Couronne | ruhig, schön |
| Marina in Sète | alltagstauglich |
| Ankern vor Saint Marie de la Mer | überflüssig |
| Ankern in der Calangue Sugiton | Naturspektakel |
| Marina in Bandol | kein Muss |
| Ankern vor Porquerolles | schön, touristisch |
| Marina in Saint Tropez | teuer, unnötig |
| Vieux Port in Saint Raphael | unnötig |
| Ankern bei der Ile de Honorat | groß, schön, gut besucht |
| Marina Garavan in Menton | gute Lage, schöne Stadt |
| Port Plaisance in Nizza | Infrastruktur mäßig aber sehr schöner Ort |









